Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Senden eine kleine Blaskapelle. Sie stand unter der Leitung des Dirigenten Ley und probte im Haus des damaligen Bürgermeisters Guther in Senden-Höll. Nach Leys Tod übernahm Alois Krettenauer die Leitung der Blaskapelle, die bis in die Zwanzigerjahre hinein bestand. 1920 gründeten die Brüder Anton und Ludwig Roser ein Streichensemble aus dem ein Salonorchester und später der Orchesterverein Senden-Ay entstand. Dirigent war bis zu seinem Tod 1942 Rudolf Winter, anschließend wurde das Orchester bis 1945 von Hermann Kreimann geleitet. Der Musikbetrieb kam aber während des Krieges zum Erliegen. Ein Neubeginn erfolgte 1946, als Ernst Dittrich als Heimatvertriebener nach Senden kam und das Streichorchester Senden-Ay neu gründete. Der erste Auftritt des Orchesters war bereits an Weihnachten des gleichen Jahres. Im Jahre 1953 zog der Musikdirektor Konrad Bemsel nach Oberkirchberg. Als ehemaliger Berufsmusiker trat der Geiger und Pianist Bemsel dem Streichorchester Senden-Ay bei und gründete im November 1953 gemeinsam mit Ernst Dittrich eine Blaskapelle. Ihr erster Auftritt war am Heiligen Abend, als die junge Blaskapelle bestehend aus 12 Musikern auf einem Lastwagen der Oberkirchberger Brauerei Möhle Weihnachtslieder in Senden, Ay und Oberkirchberg spielte.

Die Gründung der Musikvereinigung

Ernst Dittrich und Konrad Bemsel verfolgten nun die Idee, Streichorchester und Blasorchester unter dem Dach einens Vereines zusammen zu führen. Im Sommer 1954 fand im Gasthof “Krone” in Ay die Gründungs-versammlung der Musikvereinigung Senden-Ay-Oberkirchberg statt. In das Amt des 1. Vorsitzenden wurde Friedrich Schäfer gewählt, 2. Vorsitzender wurde Ludwig Roser, zum Kassierer wurde Karl Wolff gewählt  und Schriftführer wurde Josef Czermin. Die Blaskapelle wurde von Musikdirektor Konrad Bemsel geleitet, Dirigent des Streichorchesters war Ernst Dittrich. Der Musikverein Vöhringen (heute Stadtkapelle Vöhringen) unterstützte die Sendener Musiker bei der Vereinsgründung als Patenverein.

Das erste Probelokal der Blaskapelle war der Gasthof “Krone” in Ay, das Streichorchester probte nur wenige Meter entfernt in der Gaststätte “Groß”.

An der Fronleichnamsprozession 1954 in Senden hatte die Blaskapelle der Musikvereinigung ihren ersten öffentlichen Auftritt. Im Herbst 1954 wurde das erste gemeinsame Konzert des Blasorchesters und des Streichorchesters in der Festhalle in Ay durchgeführt, im folgenden Jahr stand bereits ein großer Faschingsball mit einem eigenen Prinzenpaar, sowie das erste Gartenfest im Funkweg auf dem Programm. Durch gezielte Nachwuchswerbung und die Ausbildung junger Musiker hatte die Blaskapelle im Jahr 1956 bereits 22 aktive Mitglieder.

 

Pressebericht der Neu – Ulmer Zeitung über die Gründungsversammlung 1954

Senden/Ay. Unter einem guten Stern stand die am Mittwochabend in der „Krone“ stattgefundene Gründungsversammlung der Musikvereinigung Senden-Ay-Oberkirchberg. Die aktiven Mitglieder des Orchestervereins Senden/Ay mit ihrem Kapellmeister Dittrich und der im Herbst vorigen Jahres von Musikdirektor Konrad Bemsel ins Leben gerufene Blaskapelle hatten sich restlos eingefunden, um durch den Zusammenschluss der beiden Musikvereinigungen deren kulturellen Darbietungen in Zukunft stärkeren Auftrieb zu geben.

Musikdirektor Bemsel betonte einleitend, dass in den drei Gemeinden Senden, Ay und Oberkirchberg durch eine glückliche Zusammenfassung in Form einer Musikvereinigung alle örtlichen musikalischen Belange befriedigt werden könnten. Die neue Musikvereinigung stehe fern jeder materiellen Ausrichtung und wolle lediglich die Streich- und Blasmusik aus ideellen Gesichtspunkten heraus pflegen. Das Streich- und Blasorchester wolle sich in erster Linie in den Dienst der kulturellen Belange der drei genannten Gemeinden stellen. Konrad Bemsel sprach herzliche Worte des Dankes den Kameraden des Streichorchesters mit ihrem Kapellmeister Dittrich, die einer Vereinigung schon von Anfang an mit einer beispielhaften Aufgeschlossenheit gegenüberstanden. Kapellmeister Dittrich schloss sich den Ausführungen von Konrad Bemsel an und gab seiner Freude über den lange beabsichtigten Zusammenschluß der beiden Klangkörper Ausdruck. Bis zur offiziellen, im Herbst stattfindenden Gründungsversammlung wurde ein kommissarischer Ausschuss mit folgendem Ergebnis gewählt: Erster Vorsitzender Friedrich Schäfer, Senden, zweiter Vorsitzender Ludwig Roser, Senden, Schriftführer J. Czermin, Ay, Kassierer Karl Wolff, Ay, Materialverwalter Ernst Stuchlik, Ay, Dirigent Musikdirektor Konrad Bemsel, Oberkirchberg, stellv. Dirigent Kapellmeister Dittrich, Ay, Ausschuss-mitglieder Anton Geiger, Senden, Hermann Kreimann, Senden, Beisitzer F. Möhle, Oberkirchberg.

Der weitere Verlauf der von heller Bereitschaft getragenen Gründungsversammlung brachte die Aufstellung des musikalischen Programms der neugegründeten Musikvereinigung, die sich dem Allgäu-Schwäbischen Musikbund angeschlossen hat. Vorgesehen sind in den nächsten Wochen Promenadenkonzerte in Senden-Ay und Oberkirchberg; ferner wird im gemeindlichen Festgarten in Senden ein Sommerfest abgehalten. Vorsitzender Schäfer entwarf die besten Perspektiven für den neugeborenen Musikkörper.

 

 

 

Die Gründungsväter

Ernst_Dittrich

geboren am 4. Januar 1921 in Frankstadt (Sudetenland), erhielt im Alter von 7 Jahren Violin- und Trompeten-unterricht von seinem Vater. 1933 trat er in die Blaskapelle seines Heimatortes ein, zwei Jahre später wurde er als Flügelhornist Mitglied der Stadtkapelle Mährisch-Schönberg. Während seines Wehrdienstes musizierte er im Spielsmannszug seines Bataillons. Als Heimat-vertriebener baute er sich mit seiner Frau Hedwig eine neue Existenz in Senden-Ay auf und arbeitete als technischer Angestellter bei der Firma Magirus in Ulm.

1946 baute er das Streichorchester Senden-Ay wieder auf, 1948 gründete er die „Tanzkapelle Dittrich“. Gemeinsam mit Konrad Bemsel war er der Gründervater der Musikvereinigung Senden-Ay-Oberkirchberg, deren Streichorchester er bis 1973 leitete, von 1961 – 1975 war er zudem Dirigent des Blasorchesters. Die Musikvereinigung ernannte ihn für sein musikalisches Lebenswerk zum Ehrendirigenten, vom Allgäu-Schwäbischen Musikbund erhielt er sämtliche Auszeichnungen und 1975 wurde ihm von Landrat Franz-Josef Schick die Bundesverdienstmedaille verliehen. Ernst Dittrich starb 1988 nach langer Krankheit.

Konrad_Bemsel

wurde am 9. Juni 1901 in München geboren. Als Chorsängerknabe am Hoftheater München erhielt  er Gesangs- und Klavierunterricht, anschließend wurde er an der Akademie der Tonkunst in den Fächern Violine und Klavier unterrichtet, 1920 legte er dort seine Staatsprüfung als Kapellmeister ab. Seine Engage-ments führten ihn in verschiedene Großstädte Europas, bis er schließlich 1928 einen Ruf als Konzertmeister des Städtischen Orchesters Reutlingen erhielt. Nach 10 Jahren verließ er Reutlingen und arbeitete als Musik-direktor in Ravensburg. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges führte ihn sein Lebensweg zusammen mit seiner Frau Friedl – eine weitgereiste und angesehende Pianistin – nach Oberkirchberg. 1954 gründete er mit Ernst Dittrich die Musikvereinigung Senden-Ay-Oberkirchberg, das Blasorchester dirigierte er bis zu seiner schweren Erkrankung im Jahr 1961. Er war zudem viele Jahre Dirigent des Männergesangvereins Oberkirchberg.

Als Schüler Franz Lehárs komponierte er die Operette „Apachen im Frack”,  seine Märchenoper „König Drossel-bart“ wurde über 250 mal aufgeführt. Auch als Komponist von Märschen und Blasorchesterwerken  war er weithin bekannt. Die Musikvereinigung ernannte Konrad Bemsel für sein Wirken zum Ehrenmitglied, der Allgäu-Schwäbische Musikbund hat ihn als Anerkennung für seine musikalische Arbeit mit der goldenen Ehrennadel ausgezeichnet. Konrad Bemsel starb im Jahr 1972.